MYFEST

früher, als das MyFest noch 1.Mai-Demo hieß, als effektvoll die Autos brannten und keine Fensterscheibe hielt die nicht mit Brettern vernagelt wurde, schien mir der Geist von la grande dame la révolution noch gesund, unbestechlich und wild. Dann amalgamisierten 2003 die verräterischen VeranstalterInnen mit Herrn Dieter Glietsch dem neuen Berliner Polizeipräsidenten (der wenigstens drei Jahre später auf der 1.Mai Demo ordentlich dafür verprügelt wurde). Gemeinsam lockten sie unzählige Zauberclowns, Köftebräter, 20 Musikbands pro Straßenzeile und buntes Familienprogramm ins Epizentrum 36, um die Bambulanten beim Stören zu stören. Mir schien das damalig ein perfider Missbrauch der Zivilgesellschaft. Bunt bemalte Picknickfamilien ließen sich zu fröhlichen Schutzschildern gegen aggressive, prodemokratische Reflex verstricken. Zudem schienen mir Straßenkämpfe und brennenden Autos um einiges fotogener, als die, sich friedlich durch die Monsterparty quetschenden Massen.

Nach ein paar Jahren habe ich dann zwar den Sinn des Deeskalationskonzept widerwillig anerkannt (was auch daran lag, dass die hellgrünen Umhänger des neuen ungepanzerten Deeskalationsteams der Polizei so schön mit dem frischen Frühlüngsgrün der Bäume und Büschen korrespondierte – auch sehr fotogen http://www.fotocommunity.de/photo/gruenzeug-dion-m-beeck/13330575).

Das MyFest machte mir trotzdem weniger „Spaß“ als das destruktive Chaos die Jahre davor. Es roch einfach nicht mehr nach Tränengas und notwendigen Protest, sondern nach verbrannter Köfte und Kotze. Geht das überhaupt? Kontrollierte Anachie?

Dieses mäkelte ich gestern in trauter WG vor mich hin, als meine Mitbewohnerin Cornelia eine Lanze brach für aktuellen Wahnsinn. – So etwas gibt’s in keiner anderen Stadt. Typisches Kreuzberger Feeling mehrfach multipliziert. Überall wird gebraten und getanzt und weit und breit kein Ordnungsamt das irgendwelche Lizenzen sehen will. Überall Musik, einige richtig gut. Ein Taumel aus irgendwie politischer wie massenweise guter Laune. Noch dazu einer der wenigen nicht christlichen Feiertage. So viel Menschen, auf den Straßen. Die Polizei, geschult entspannt. Die Wasserwerfer für alle Fälle epiperipher vor der Hasenheide geparkt. Das Motto ist einmal mehr in dieser Stadt – ALLES DARF SEIN – Besonders was nicht seihen darf. Und über allem schwebt nach wie vor, stolz und subversiv la grande dame la révolution, wenn auch tendenziell in Feierlaune (na ja, nicht ganz so, aber ähnlich sagte sie’s) –

Dies alles habe ich soeben selbstisch überprüft und möchte Cornelia hiermit beipflichten. Es sind weniger Zauberclowns. Es stinkt nach Köfte und Kotze, der Görli ist ein Flaschenmeer, in dem die Masse rhythmisch wabert. Die Flaschensammler die das nutzen, können danach direkt in’n Urlaub fliegen. Den werden sie auch nötig haben, nach tagelangen warten in den Schlangen vor den Getränkepfandautomaten. Die Musik ist allerorts erstaunlich gut. Die Laune ist politisch und bestens, die PolizistInnen sexy und freundlich in schicker schwarzer Panzerkäfertracht. Und mittendurch walzt sich auf einmal unangemeldete Demo durch die Party. Unbehelligt von der „Ordnung“ erscheint sie Tausenmenschenstark aus bengalischen Rauschzauber und behauptet, organisch wachsend die Nauny- und die Wienerstr als „unser“ Territorium. Rotschwarze Fahnen werden geschwenkt, Pappschilder und Sprechchöre warnen vor Islamophobie, Homophobie, vor dem KA KA Kapitalismus, und den Nazis. Autos haben wenig Platz und die Scheiben bleiben auch ohne Bretterschutz ganz und sicher ist, daß nichts und niemand sicher ist. Schon gar nicht hier. Alleine dies derart zu feiern ist, in einer Welt der Rückwertsfans und Festhaltefreaks, schon ziemlich berlin.

SÜSS

 

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3 Sudanesen am Bodensee

während eines FSJ-Seminars saßen in einer Kleingruppe zwei Jugendliche aus Baden-Württemberg ein junger Mann aus dem Sudan und ich zusammen und unterhielten uns über die Dinge in unsrer Kultur die uns geprägt hatten. Der schüchterne Junge aus dem Sudan sprach davon, dass sein Vater starb als er zwölf war. „Woran starb dein Vater?“ wollte der Junge aus Baden Württemberg wissen, der sich gerade ganz nebenbei seine Insolinspritze für das nahe Abendessen aufzog. Der junge sudanesische Geflüchtete nannte ein Wort das erst keiner von uns verstand. Nach drei Versuchen verstanden wir es endlich. „An Zucker“ Er lächelte unsicher. Traute sich dann aber ebenfalls eine Frage zu stellen. Für was denn die Spritze sei, wollte er wissen.

Am Wochenende, zwischen den beiden Seminaren in Bawü, durfte ich wie so, oft im Haus einer befreundeten Familie verweilen. Ich begann der Hausherrin beseelt von den investigativen interkulturellen Begegnungen zu erzählen die meine Arbeit mit sich brachte. Sie unterbrach mich um mir zu erklärten, dass die (ich nehme an sie meinte die Sudanesen oder gar die Afrikaner…) aber auch ständig und überall Zucker essen würden…

http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2017-02/hungersnot-somalia-jemen-suedsudan-nigeria-lebensmittel-klima/seite-2

RING

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Die Fahrradklingel

Imperialistische Maßregelung die, wenn sie ertönt, in erster Linie eines sagt. „Achtung! Hier komme ich! Ich brauche Platz! Ich werde zur Gefahr, wenn man mir keinen Platz macht! Dies ist meine Strecke und ich komme jetzt!“

Ein Grund zum Fremdschämen ist für mich beispielsweise folgender: Ich fahre, wie üblich achtsam und umsichtig durch einen Park. Die Sonne scheint, viele Menschen sind zu Fuß, oder auf diversen Fahrgeräten unterwegs. Ich steuere zügig und ohne Probleme an einer Gruppe Flanierenden vorbei, die mich, Dank angemessener Geschwindigkeit, und seitlichen Abstand zur Gruppe, rechtzeitig wahrnehmen. Hinter mir indes fährt ebenfalls ein Fahrradfahrer. Der sieht Menschen an denen er vorbei muß. Und obwohl ausreichend Platz ist, obwohl er an meinem Fahrverhalten gesehen hat, das gegenseitige Wahrnehmung und gefahrloses Miteinander möglich ist, obwohl alle längst zur Seite tendieren und es rein physekalisch quasi unmöglich währe, dass sich jetzt noch einer der Flanierer Grundlos und in Schallgeschwindigkeit meinem Nachfolger vor das Rad hechtet, erliegt dieser seinem unzähmbaren Reflex zu klingeln. Erst jetzt erschrecken sich die Flanierenden und wissen, was für Schreckmomente typisch ist, erst mal nicht wohin sie jetzt ausweichen müssen. Erst durch das Klingeln wird es gefährlich, was den Fahrradfahrer hinter mir aber nicht daran hindert schon bei der nächsten Gruppe ParkflaniererInnen erneut zu klingen, die Gefahr zu potenzieren und alle in Angst und Schrecken zu versetzen.

Ein Vielklingler, oder eine Vielklinglerin mag das anders sehen: „Ich sorge für mehr Sicherheit im Straßenverkehr, da ich die Fahrradwege, oder die Straßen und BürgerInnensteige die ich mit Fahrradwegen verwechsle freifege von potentiellen Gefahren.“

Mit Gefahren meinen sich die KlingelterroristInnen freilich nicht sich selbst, sondern Kinder, Alte und andere Menschen, denen sie von vorne herein mangelnde Achtsamkeit unterstellen, und die nur Dank ihrer Klingel eine Überlebenschance haben. Nur so lässt sich der offiziell, oder von höheren Mächten vorbestimmte Weg der FahradfahrerInnen, vom lästig Unbill reinigen. Das Verhalten der Angeklingelten scheint den KlinglerInnen Recht zu geben, da diese ja meist tatsächlich oftmals stehen bleiben, oder einen Schritt zur Seite tun, sobald es hinter ihnen losklingelt. Das machen die meisten, weil sie sich erschrecken. Um wie viel sicherer es wird wenn ich Menschen erschrecke bleibt jedoch selbst für die Wissenschaft eine offen Frage. Grundsätzlich zweifle ich an der positive Wirkung des Schreckens im Straßenverkehr.

Fahrradfahrerinnen oder der Fahrradfahrer die bereits von ganz weit hinten klingeln folgten einer ebenfalls üblichen Strategie, deren ursprünglicher Gedanke wohl ebenfalls der Idee der besonders sicheren Fahrweise geschuldet ist. Ob sich Menschen weniger erschrecken, wenn ein schrilles, kreischiges Geräusch von sehr weit Hinten kommt, bleibt zu dem fraglich.

Ich vermute es gibt keine verlässlichen Aufzeichnungen darüber weshalb die Fahrradklingel erfunden wurde. Allerdings kann ich mir vorstellen, ein wesentlicher Grund könnte der mögliche Notfall gewesen sein. Insofern befinden sich die DauerklinglerInnen und ihre Umwelt im permanenten Ausnahmezustand. Ein nachdenklich machendes Phänomen, wie ich finde.

RUHE

In der Arbeit mit Menschen die ein freiwilliges soziales Jahr absolvieren, gibt es diesen Teil des Selbstversuchs. Um Beispielsweise einfühlsamer mit behinderten Menschen zu arbeiten, könnte es helfen selber eine gewisse Zeit mit einem Handikap zu leben. Um blind zu werden benutzen wir Augenbinden. Viele Behinderungen lassen sich mit verschiedenen Hilfsmitteln zumindest für eine gewisse Zeit nachstellen. Doch wie steht es mit der Simulation von Taubheit. Die ist vergleichsweise schwierig herzustellen. Akustische Signale lassen sich nie 100% aus unserem Kopf aussperren, selbst mit dicken Kopfhörern nicht. Auch nicht wenn diese moderne Abschirmtechnik besitzen. Der hörende Mensch ist demnach so gut wie immer allen Geräuschen auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Was eben diese Töne mit uns machen, wie gut oder schlecht wir sie verdrängen können ist zum einen eine Frage der Wissenschaft, zum anderen sicher eine sehr individuelle. Dennoch bleibt die Wahrscheinlichkeit hoch, das jedes Geräusch, jeder Ton, jede Musik etwas mit uns macht. Das Lautstärke, Gewohnheit, Natürlichkeit Rhythmus, Taktung dabei eine bedeutsame Rolle spielen.

Heute habe ich mal wieder einen möglichst ruhigen Ort in Berlin gesucht. Die Fabriken und Brachen die um die Jahrtausendwende noch von einer recht Menschen- und somit Autoleeren Stadt umgeben waren, sind fast alle in Wohn- Konsum- oder Eventraum verwandelt worden. In den Straßen, selbst in den kleinen, rauschen mittlerweile täglich 1000 von Autos umher. Im Tiergarten, immerhien Berlins größter und vielleicht sogar schönster Parkanlage (oder ist dies der Treptower Wald? Ich kann mich nicht entscheiden) ist der Lärm all der Fahrzeuge stets als begleitendes Brummen präsent, dies gilt auch für die meisten anderen Parks.

Auf dem Tempelhofer Flugfeld gibt es ein kleines Wäldchen mit ein-zwei Lichtungen an neuralgisch und akustisch günstigen Punkten. In einer kleinen Senke setzte ich mich dort in erstaunlicher Stille auf eine ehemalige Plattform für irgendwas, zog mein T-Shirt aus blinzelte in die Abendsonne und atmete das Entspannungsstartatmen, als eine Gruppe fernöstlicher Trommelkünstler unweit meines akustischen Idylls ein Gratiskonzert begann. Nach einer halben Stunde gab ich auf gegen meinen Inneren Konflikt, „nun sei doch nicht so ein Spießer, ist doch voll toll, daß in dieser Stadt überall alle machen können was sie wollen. Außerdem ist das voll Muli Kulti du konservativer Harmonienazi“ sagte die eine Stimme „aber das klingt wie eine Blechexplosion und ich suche doch gerade expliziert nach etwas RUHE“ sagte die andere. Ihr gab ich dann nach, stieg wieder auf mein Fahrrad, fuhr ein mal an dem ambitionierten Trommelquintet vorbei, entschied mich nicht ganz so vorwurfsvoll zu schauen wie ich es vorhatte und suchte weiter nach RUHE.

Ein Charakteristikum des Treptower Wald, so schön er auch ist, ist, an den wenigen Stellen die nicht von Menschenmassen geflutet werden, das stete Brummen einer Fabrik. Dort wo es ruhiger wird, wird das Brummen freilich um so „lauter“

Alle anderen Parks sind bei weitem nicht so bewaldet und somit regelrechte Verstärker für all die Geräusche die eben alle ParkbesucherInnenn und Besucher so machen. Und ein Ort an dem nicht Züge, Autos oder ähnlich urbane Begleiterscheingen ans Ohr dringen gibt es nicht mehr.

Da viel mir das Südgelände hinter dem Südkreuz ein. Ein herrlich renaturalisiertes Gebiet mit fest vorgegeben Wegen umgeben von ein wenig an Wildnis erinnernder Wildnis. Einst gigantisch entwaldetes Stellwerksgelände der Reichsbahn. Die Bahnlinie ist längst wieder geöffnet und zwar auf beiden Seiten des kostbaren Naturalls. Doch vielleicht dämpft das dichte Grün das stete Zuggerassel. So dachte ich mir. Ich drang möglichst tief ein, also geografisch maximal entfernt von umliegender Autobahn und Stadt. Doch eben an dieser Stelle übte ein reizendes altes Ehepaar das Jodeln. Ich kenne mich ein bisschen aus mit Jodeln, da ich in Bayern aufgewachsen bin. Dies ist auch der Grund warum ich weiß, dass diese beiden noch übten. Und sie standen in ihrer Übungsphase wohl noch recht am Anfang.

Nun sitze ich hier und denke schriftlich über all das nach. Über mir Flugzeugbrummen, vor mir Zuggeratter, hinter mir Zugeratener, unweit von mir ein Jodelkurs, der mit viel guten Willen als solcher erkennbar ist, das tippen meiner Finger auf der Tastatur und Menschenstimmen wie immer und überall nur etwas weniger.

In den 80ern, donnerten gerne die Überschalljets durch die Schallmauern und Angst und Schrecken rieselte, besonderen bei schönen Wetter auf unsere Kinderseelen. In den Wäldern wird zu allen Zeiten gesägt, geschreddert und gerattert. Die Meditation nahe der Streuobstwiese im Garten des Seminarhauses wird von Rasenmäherkreischen und Baustellentammtamm begleitet. Ruhe ist seltener geworden als Gold und Diamanten.

Nun ich muß zugeben, die Bäume um mich herum, der gehörige Abstand zum urbanen Treiben, und vermutlich auch der Akt meiner Nachdenklichkeit Ausdruck zu verleihen, hat mich tatsächlich ein wenig beruhigt. Ich werde wohl noch ein wenig hier herumgeistern, bevor ich zurückkehre in den Schalleintopf der viel zu vollen Stadt. In ein paar Stunden beginnt dann meine Zeit. Um 2 Uhr 3 Uhr Morgens unter der Woche. Berlin schläft nie, aber sie wird vielerorts ruhig um diese Zeit. Da wird Fahrradfahren zur Pilgerreise. Die Eingänge in die Parks zu Kleiderschränken hinter denen ungekannte Zauberreiche warten. Da scheint mir, hebt die Stadt sich aus unruhigen Dämmerzustand und wird wahrhaft Wach und Ruhig um durchzuatmen. Wir, sie und ich, träumen dann von einer Stadt ohne Autos. Mit weniger Menschen die weniger evolutionär bedingte Ängste haben verloren zu gehen in dieser kaleidoskopischen Kakofonie und daher möglichst viel reden und laut reden. Sich möglichst lautes Zeug zulegen. Möglichst viele Dinge, die Piepsen und Hupen und klingeln und Rumpeln.

SPALTEN

Klaus Maria Brandauer sprach in einem aktuellen Interview in der SZ, während er von der EU sprach „…nicht von einem Problem, sondern von der Lösung“. Wenn sich nun ein ganzes Land von dieser Lösung abwendet, oder zumindest ein Großteil deren wahlberechtigter und wahlbereiter Bevölkerung, stellt sich die Frage; Wendet sich dieses Land von der Lösung ab. Herr Brandauer geht nicht direkt darauf ein für was Europa die Lösung ist, so doch indirekt. Er erinnert daran, dass es vor der Wende, also vor dem Europa welches seit 1989 an einem gemeinsamen Wertekodex arbeitet, keinen Frieden gegeben hat.

Das sollte sich eine jede und ein jeder ein mal auf der Zunge zergehen lassen. Es ist nicht etwa so, dass es vor der europäischen Union seit dem 30jährigen Krieg selten Phasen des Friedens gegeben hat. Es ist so, dass vor dem Brüsseler Pakt ausschließlich Krieg in Europa herrschte. In einer Zeit der wachsenden Klüfte, der sich öffnenden Scheren und der dipolaren Verwerfungen, den Spaltkeil tiefer in das friedenstiftende System, das global einzigartige Experiment nachhaltiger übernationaler Verbindungen zu treiben, scheint mir Lichtjahre entfernt von einer gut entwickelten, wohl überlegte, mehrheitlichen Entscheidung. Dies alles wirkt wie das der böse Zerrspiegel des irrigen Prozedere welches 1989 am Ende für den Fall der Mauer verantwortlich war. Eigentlich ebenso ungewollt und doch passiert, verändert dies, was soeben noch undenkbar war, nun alles. Und diesmal sicher nicht zum Guten. Es sei denn…